Top Of The Mountain Concert in Ischgl: Das ist nichts für mich!

Top Of The Mountain Concert in Ischgl: Das ist nichts für mich!
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Ja, Ischgl versteht es zu feiern. Mit einem Paukenschlag geht der Winter dort wieder mal zu Ende. Das „Top Of The Mountain Concert“ steht am 02.05. an. Persönlich freue ich mich darüber, dass sich andere darüber freuen können. Freude zweiter Ordnung sozusagen. Persönlich bin ich aber noch nie dabei gewesen. Weil ich die Event-Kultur im Grunde nicht mag. Ich mag es kleiner und feiner, subtiler, mit weniger Leuten. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich Menschenmasse gar nicht mag? Vielleicht hat es aber auch ganz andere Gründe? Vielleicht wird es Zeit, um meine eigenen Abgründe zu erforschen?

Es muss jedenfalls so um 2006 gewesen sein. Aus irgendeinem mir immer noch völlig unersichtlichen Grund habe ich mich damals dazu entschieden, ein sehr großes deutsches Rock-Festival zu besuchen. Der Name tut dabei gar nichts zur Sache. Ich habe es sogar geschafft, mich darauf zu freuen. Die Freude war aber nur kurz, denn die nüchterne Realität vor Ort war hart. Sehr hart sogar.

Meine Aktion eine Palette Bier einfach mal kurzerhand abzustellen, weil drei Paletten Bier vielleicht doch ein wenig schwer sind, endete mit der Erkenntnis, dass Menschen hier nicht wirklich solidarisch handeln. Kurz gesagt: Das Bier war weg. Futsch. Innerhalb von wenigen Minuten blieb nur mehr der Karton zurück, der Inhalt hatte sich vertschüsst. Zusammenhalt geht definitiv anders. Da wurde mir klar, wie Menschenmassen funktionieren, nämlich wie Geier, die nur lauern, um dem anderen etwas wegzunehmen.

James Blunt eröffnete die Wintersaison (Bild: TVB Ischgl)

James Blunt eröffnete die Wintersaison (Bild: TVB Ischgl)

Top Of The Mountain Concert in Ischgl: Lauert da der Massengeschmack?

Meine These ist dabei relativ einfach: Wenn Menschen schon in großen Massen so handeln, was passiert dann erst, wenn ein Konzert dem Massengeschmack entsprechen möchte? Gibt es da noch Platz für feine Zwischentöne, für Differenzen, für ein feines Nischenprogramm? Bleibt noch viel von der Kunst übrig, wenn, wie beim Top Of The Mountain Concert, die große breite Masse angesprochen werden soll?

Führen nicht schon die kleinsten Abweichungen dazu, dass die Masse aufbegehren würde? Der Massengeschmack in Sachen Musik ist eine riesige Ausschließungsmaschinerie, die vor allem Dinge verunmöglicht. Sprich: Etwas anderes als Gassenhauer können hier ohnehin nicht von der Bühne geschmettert werden und selbst die Stars haben es schwer, da sie vor Ort nur auf ihre Hits reduziert werden. Album-Tracks? B-Seiten? Unbekanntere Nummern? Egal. Wichtig ist, dass mitgesungen und mit geklatscht werden kann.

Auch Robbie war schon in Ischgl zu Gast (Bild: TVB-Ischgl)

Auch Robbie war schon in Ischgl zu Gast (Bild: TVB-Ischgl)

Ich behaupte es einfach mal so: Die Top Of The Mountain Konzerte in Ischgl haben zwar ihre Berechtigung. Und natürlich kann ein Ort wie Ischgl nicht ein Programm für einige wenige machen. Natürlich muss dort Musik gewählt werden, auf die sich irgendwie alle einigen können. Es ist ganz einfach das Bild des offiziellen Ischgl. Persönliche bedauere ich das aber ein wenig, zumal Ischgl ja nicht nur die Party-Metropole ist, auf die sich alle einigen können. Ischgl ist mehr als ein paar Massenkonzerte und laute Partys. Ischgl kann auch subtil. Fein. In Ischgl kann man sich auch ganz hervorragend zurückziehen, Wellness und Kulinarik vom Allerfeinsten genießen.

Das glaubt ihr nicht? Doch, stimmt aber. Und so ganz verstehe ich den Widerspruch von Ischgl noch nicht. Denn Ischgl ist in kulinarischer Hinsicht hochdifferenziert. Diese Feinheit und diese Differenziertheit findet man im musikalischen und kulturellen Angebot (noch) nicht. Vielleicht wäre das ja mal ein Vorschlag? Ich kann mir vorstellen, dass die Genießer nicht nur die Küche von Benjamin Parth oder Martin Sieberer schätzen, sondern dass die selben Leute, die einen solch kulinarischen Abend schätzen auch in künstlerischen und musikalischer Hinsicht für solche Leckerbissen zu haben wären.

Für mich auch ein Künstler. Sogar noch ein größerer als Robbies & Co.

Für mich auch ein Künstler. Sogar noch ein größerer als Robbies & Co.

Wie wäre es zum Beispiel mit einigen anspruchsvollen und doch gemütlichen Jazz-Abenden in Ischgl? Wie wäre es überhaupt, kulinarische Abende dezent mit guter Klaviermusik zu untermalen? Wie gesagt: Ich popagiere hier nicht dafür, dass sich das offizielle Party-Ischgl abschafft. Sollen doch ruhig weiterhin James Blunt oder Robbie Williams die Wintersaison eröffnen oder beschließen.

Ich propagiere aber, dass es unter dieser Oberfläche noch ein anderes, feines und subtileres Ischgl gibt, das sich hervorragend für Leute eignet, die sich sowohl dem Genuss als auch dem dezenten Rückzug von der großen breiten Masse verschrieben haben. Wer geht schließlich nach Ischgl um gut zu Essen, sich zu entspannen und gute Musik zu hören? Na Leute wie ich. Und ich bin fast sicher: Es werden immer mehr. Hoffentlich. Ischgl ist nämlich mehr und anders, als es viele vermuten…